Seit Montag, dem 26. Oktober, erreichen die Mitarbeitenden der schwedischen Regierungskanzlei ChatGPT und Claude nicht mehr im Browser ihrer Dienstrechner. Sie arbeiten mit den freigegebenen Tools des Hauses, darunter Microsoft Copilot, dessen Sicherheit nach einer Prüfung verschärft wurde. Die Sprachmodelle hinter ChatGPT und Claude bleiben trotzdem im Haus: Ein Teil der Belegschaft nutzt sie weiter über Intric, eine per Ausschreibung beschaffte KI-Plattform.
Die Kanzlei sperrt also den offenen Zugang über den Browser und behält die Modelle auf einem Weg, den sie per Vertrag kontrolliert.
Was in Stockholm passiert ist
Sveriges Radio hat die Entscheidung am 23. Oktober öffentlich gemacht, die Details hat die Kanzlei gegenüber SVT bestätigt. Digitalisierungsdirektor Mikael Wettercrantz warnt im Intranet, dass KI-Dienste ohne Vertrag „Konsequenzen für unsere Informationssicherheit“ haben können. Intric hat die Kanzlei im Sommer beschafft. Die Plattform läuft auf schwedischer Infrastruktur, der Vertrag umfasst Cloud-Betrieb und Installation im eigenen Haus.
Die Steuerbehörde Skatteverket und die staatliche Heimbehörde SiS sperren bereits ähnlich, die Vollstreckungsbehörde Kronofogden bereitet eine Entscheidung vor. Warum, zeigt die Verkehrsbehörde Trafikverket: Ihre interne Revision fand Anfang des Jahres eine breite und riskante Nutzung von rund zehn verschiedenen KI-Diensten. „Uns liegen mehrere Beispiele für problematische Nutzung offener KI-Dienste vor“, schrieben die Prüfer. „Sie betreffen sowohl die Sensibilität der eingegebenen Informationen als auch den Umgang mit den KI-generierten Antworten.“
Der Vertrag entscheidet
Entscheidend ist der Zugang. Im offenen Webdienst meldet sich jemand mit eigenem Konto an, ohne Vertrag des Hauses und ohne Überblick, wo die Daten landen. Auf der angebundenen Plattform regelt ein Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV), was der Anbieter mit den Daten tun darf, wo sie liegen und wer Zugriff hat.
Ob KI im Haus sicher läuft, entscheiden deshalb Vertrag, Datenweg und Kontrolle. Und eine Sperre ohne Alternative verlagert die Nutzung nur dorthin, wo niemand mehr hinschaut.
Und in Deutschland?
Baden-Württemberg zieht dieselbe Linie, nur mit eigener Technik. Die Landesverwaltung betreibt mit F13 einen eigenen KI-Assistenten für inzwischen rund 50.000 Beschäftigte, auf Servern des Landes-IT-Dienstleisters BITBW und mit offenen Sprachmodellen (Staatsanzeiger, Juni 2026). Im KI-Leitfaden des Wirtschaftsministeriums (Stand April 2026) wird F13 „umfänglich unterstützt“, ChatGPT und DeepSeek sind nur eingeschränkt erlaubt.
Im Bund hat das Finanzministerium die Nutzung „textgenerativer Künstlicher Intelligenz im Internet zu dienstlichen Zwecken grundsätzlich untersagt“ (dpa, Februar 2025). Gleichzeitig betreibt das ITZBund mit KIPITZ eine eigene KI-Plattform für Bundesbehörden in bundeseigenen Rechenzentren, als abgeschlossenes System, aus dem keine Verwaltungsdaten ins Modelltraining fließen.
Die Industrie handelt genauso. Wacker Chemie lässt DeepSeek nicht auf Firmenrechner, Siemens bietet KI-Modelle nur über eine interne Plattform an, damit „Siemensdaten bei Siemens bleiben“ (Februar 2025). Und die Berliner Datenschutzbeauftragte hat die DeepSeek-App im Juni 2025 bei Apple und Google als rechtswidrigen Inhalt gemeldet, weil Nutzerdaten ohne ausreichende Garantien nach China gehen.
Was die Beispiele gemeinsam haben
Stockholm, Stuttgart und Siemens sperren den offenen Zugang und stellen im selben Zug einen geprüften bereit. Dafür braucht es weder Ausschreibung noch eigenes Rechenzentrum. Fünf Dinge tauchen überall auf:
- Ein freigegebenes Werkzeug, das mithält. Stockholm gibt allen Copilot und denen, die mehr brauchen, Intric.
- Business-Konten mit AVV. Grundlage ist ein Auftragsverarbeitungsvertrag nach DSGVO, inklusive klarer Regel, ob Eingaben ins Training fließen. Auch die Datenschutzkonferenz empfiehlt, dass Arbeitgeber Geräte und Accounts für KI stellen. Mehr dazu: ChatGPT im Unternehmen einführen.
- Ein bekannter Datenweg. F13 und KIPITZ laufen in eigenen Rechenzentren, Intric auf schwedischer Infrastruktur. Im Unternehmen heißt das: Land, Anbieter und Unterauftragnehmer sind bekannt, verarbeitet wird in der EU. Mehr dazu: KI-Hosting in Deutschland und der EU.
- Klare Zuständigkeit. Der Stuttgarter Leitfaden trennt freigegebene von eingeschränkten Tools und nennt ein KI-Team, das neue Werkzeuge bewertet.
- Schulung an echten Aufgaben. Baden-Württemberg begleitet F13 mit Workshops, E-Learnings und einer Prompt-Bibliothek.
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